Welcome to Germany(’s left wing), Refugees!

Bunte Fähnchen tanzen in der lauen Abendprise. Darunter aufgekratzte, kurzhaarige Mädchen in Kapuzenpullis, die sich lautstark politische Statements zuwerfen. Dazu eine dumpfe Mischung aus Progressive- und Indie-Rock-Tönen.

„Also wirklich, ich finde, das ist psychologisch-methodologisch nicht der richtige Ansatz…“ Ein Junge mit filzigen Haaren und Flesh Tunnel greift nach dem Joint, nimmt einen tiefen Zug. „Die Probabilität wirtschaftlich zuträglichen Verhaltens ist aufgrund des subjektiven Empfindens einer Ungerechtigkeit immer gleich 0.“ Ich versuche mich zu konzentrieren. Das Mitglied einer „sozialen Randgruppe“ mit kariertem Hemd und Hipster-Brille meldet sich zu Wort: „Du meinst das sozialpsychologisch, richtig? Das heißt, der Partner würde immer ablehnen, sobald sich seine Gewinnmaximierung auf unter 50% der auf beide Personen zu verteilenden Gesamtsumme beläuft?“ Zustimmendes Nicken. Verkrampft klammere ich mich an meine Bierflasche. Abgerissene Gestalten mit Aufnähern auf den Jacken tauschen Zigaretten aus, fragen nach Feuer. Am Eingang zum Innenbereich hängt ein Schild: „Empfohlene Spende: 5 Euro“ Empfohlen?

Eigentlich ein gutes Konzept, finde ich! Darum bin ich hier! Flüchtlinge Willkommen! Und das meine ich ernst!

Ich denke immer, ich bin links… Auf solchen Veranstaltungen merke ich dann, dass es wohl noch ein Links links von mir gibt. Ein undogmatischer Student versucht, seinen Hund einzufangen. „Hast du zufällig Kaugummis?“ Direkte Ansprachen habe ich nicht erwartet. Es gibt Kreise, in denen ich einfach nichts zu sagen habe. In denen ich nichts zu sagen habe, weil es schon gesagt wurde oder weil es mir, kompakt zusammengefasst, von einem dieser kleinen Buttons entgegen leuchtet. Ich nicke und zücke eine Packung Mentos (die Kaugummis). „Cool! Darf ich auch zwei nehmen?“ Ich zögere kurz und nicke erneut. Dann hole ich mein IPhone aus der Tasche. Strafende Blicke von allen Seiten. Ja, es ist kein Fairphone, ich weiß! Sogleich lasse ich es samt der Packung Mentos (die Kaugummis) wieder in meinem Jutebeutel verschwinden. Mit meinem H&M Fakeledertäschchen hätte ich mich hier wirklich nicht hingetraut. Das hätte förmlich nach einem Diskurs zu den Stichworten „Arbeitsbedingungen“, „Textilindustrie“ und „Bangladesch“ geschrien.
Ist ja auch richtig! Insgeheim bewundere ich dieses Engagement!

Mein Bier ist leer. Ich schlendere in den Innenbereich. Die Musik ist hier unerträglich laut. Eine Gruppe Afrikaner aus der Sub-Sahara stehen halb verängstigt, halb neugierig vor der Theke. „The drinks at the main bar have fixed prices. Refugees will get one drink at the bar for free.“ Sie können wählen zwischen Bitburger und Reissdorf.
Ich bestelle ein Reissdorf. In einem Nebenraum sind Biertische aufgebaut, auf denen mitgebrachte Speisen standen. Natürlich alles vegan… und das nicht nur, um jedes religiöse Fettnäpfchen gekonnt zu umgehen… Die Schüsseln sind leer, es gibt nur noch Fladenbrot. Auf dem Sofa in einer Ecke kauert eine Reihe identisch aussehender Antifas mit Volahiku-Frisuren. Sie haben die Arme verschränkt und die Lippen fest aufeinander gepresst. Kein Lächeln, keine Regung, immer bereit aufzuspringen, falls sich doch ein lebensmüder Nazi hierher verirrt. Eine Frau mit Undercut füllt die Schüsseln des Buffets auf. Eine Horde betrunkener und ausgehungerter Reaktionärer stürzt sich sofort recht unsolidarisch auf die Nahrung, während sich fernab von Leid und Gewalt gezeichnete Gesichter schüchtern-beobachtend der Szene zuwenden. Residenzpflicht, Arbeitsverbot, Gutscheine statt Bargeld und nicht einmal Humus auf der eigenen Party! Ich trinke mein Bier leer und verabschiede mich. Jemand drückt mir noch einen Flyer in die Hand. „Aufrufe zum 1. Mai 2015.“ „Yo, bist du bei uns?“ Ich zucke mit den Schultern. „Manchmal!“

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Eine Antwort zu Welcome to Germany(’s left wing), Refugees!

  1. ReelCarina schreibt:

    „Ich denke immer, ich bin links… Auf solchen Veranstaltungen merke ich dann, dass es wohl noch ein Links links von mir gibt.“ So geht’s mir bei solchen Events auch immer wieder. Irgendwie fühle ich mich fehl am Platz, und trotzdem liebe ich es und geh immer wieder hin!

    Gefällt 1 Person

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