Der Rhein

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Unaufgeräumt wie der rasierte Hinterkopf eines Lockengenträgers. Ein paar Zentimeter sind schon nachgewachsen… nur viel mehr Bewegung, viel mehr! Doch die Ente steht im Wasser. Sie steht im Wasser und findet alles wieder, alles was sie sucht oder verloren hat. Denn der Rhein verliert nie etwas. Er ist ein Sammler, ein Sammler und ein Verführer. Die Sonne verfängt sich in seinen winzigen Kräuseln und lässt sie glitzern wie Glas. „Komm zu mir“, wispert er stets. Und „ich kühle dir deine trägen Glieder“ in der schwülen Mittagshitze oder „ich nehme dir deinen Schmerz“ in der neblig, grauen Dämmerung. Der Rhein ist ein Sammler! Dann ein Bein im Wasser, ein Bein oder zwei Beine, doch nur bis zum Knie, nicht weiter, „bloß nicht weiter“ hat Mama immer gesagt. „Bloß nicht weiter, sonst reißt er dich mit fort.“ An grauen, regnerischen Tagen ein verlockendes Versprechen. Nebelschliere. Lass das Containerschiff noch vorbei und den Köln-Düsseldorfer und… wieder nicht. Ein Versprechen nur!

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„Pass auf die Glasscherben auf“, hat Mama immer gesagt und ängstlich-beunruhigt umher geschaut. Am Rhein hat Mama immer ängstlich-beunruhigt umher geschaut. „Zieh die Schuhe an“, hat sie dann gesagt, doch die Schuhe blieben, wo sie waren. Es gibt die matten Glasscherben, die der Rhein abgelutscht hat und die sich ganz rau anfühlen, wenn man sie zwischen den Fingern reibt. Die haben wir früher immer gesammelt, die die sich ganz rau anfühlen, wenn man sie zwischen den Fingern reibt. Dann sind da noch die spitzen, die sich tief in das Gewebe zwischen Fußballen und Ferse bohren. Natürlich immer zwischen Fußballen und Ferse. Immer da, wo es einem die meisten Tränen in die Augen jagt, Tränen, die der Rhein aufsammelt.

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Die flachen Steine hüpfen bei mir nicht mehr. Sie sinken einfach wie Steine. Ich habe es verlernt. Habe es verlernt in den Jahren, in denen ich nicht am Rhein war, in denen es andere Versprechen gab, in denen sich fremde Glasscherben in mein Gewebe zwischen Fußballen und Ferse bohrten, in denen die Tränen auf sprödem Kopfsteinpflaster zersprangen und es keine Schuhe gab, die das hätten verhindern können.

Eine Ente fliegt Zentimeter über der Wasseroberfläche, doch ihre Schwingen berühren die Wellen nicht. Ein rostiges Schiff, das röhrend stromaufwärts prustet; eine Brücke, achtlos über den Rhein gerotzt; Sand, vermischt mit Kronkorken und Zigarettenstummeln; eine grüne Isomatte, die sich über einem Stein verrenkt; kalte Feuerstellen mit Alufolie; eine Saskia-Plastikflasche, die schaukelnd auf den Wellen treibt und erst nach der „Filia Rheni“ ans Ufer schwankt; 25 Cent, dagelassen oder gerade angekommen? Die Möwe fängt das Brot im Flug. Sie schreit, dann Ruhe. Kleine Mücken tanzen über dem Schlick, der die glitschigen Steine sanft umschließt. „Sei vorsichtig!“ Mamas Worte in meinem Kopf. Dort, wo das Wasser war, aber nicht mehr ist, überzieht nun eine graue, rissige Schicht die Steine. Die einzelnen Schollen lassen sich vorsichtig herauslösen und zerfallen zu Staub, wenn man sie zwischen den Fingern reibt, anders als die matten Glasscherben, die sich nur rau anfühlen, aber nicht zu Staub zerfallen, wenn man sie zwischen den Fingern reibt.

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Die Strömung zieht meinen Blick mit ins Nirgendwo. Sand und kleine Steine zwischen den Zehen. Eine Amsel verteidigt singend ihr Revier. Blaue und weiße Plastiktüten flattern im Wind. Der Rhein braucht keine bunten Fahnen. Das dumpfe, beruhigende Dröhnen einer fernen Fähre und der süße, morastige Geruch machen mich schläfrig, schläfrig am Rhein. Ich bette meinen Kopf auf den Stein neben einer halb zerstückelten Reissdorf-Kölsch-Flasche. Die Augen geschlossen, die Ohren geöffnet für das Rauschen der Pappeln bin ich plötzlich wieder ganz. Der Rhein verliert nie etwas.

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Eine Antwort zu Der Rhein

  1. AdPoint GmbH schreibt:

    Hallo,
    das sind wirklich sehr schöne Bilder vom Rhein und auch deine Texte gefallen mir. Vielen Dank!
    Liebe Grüße, Felix von der AdPoint GmbH

    Liken

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